Die Idee, dass Karriere bedeutet, immer eine Sprosse höher zu klettern, greift in der heutigen Arbeitswelt zu kurz. Warum Portfolio-Karrieren, Seitwärtsbewegungen und bewusste Pausen oft der klügere Weg sind.
Jahrzehntelang galt das Bild der Karriereleiter als Maßstab für beruflichen Erfolg: Berufseinsteiger heute, Teamleitung in fünf Jahren, Abteilungsleitung in zehn. Wer diesen Weg verließ – durch einen Seitenwechsel, eine Auszeit oder ein Downgrade – sah sich schnell mit Fragezeichen konfrontiert. „Wurde der entlassen?" oder „Hat sie aufgegeben?"
Doch diese Sichtweise ist nicht nur veraltet – sie schadet aktiv. Sie ignoriert, wie Arbeit heute wirklich funktioniert und welche Talente Organisationen wirklich brauchen.
Das Ende der linearen Logik
In einer Welt, in der sich Technologien, Märkte und Rollen in einem atemberaubenden Tempo verändern, ist das Festhalten an einem einzigen Karrierepfad eine Wette auf eine Zukunft, die es so nicht geben wird. Die McKinsey Global Institute-Studie von 2023 zeigt, dass bis 2030 rund 30 % aller Berufsbilder signifikant verändert oder ganz verschwunden sein werden.
Was bleibt, sind Menschen, die in der Lage sind, sich anzupassen – und das erfordert oft genau das, was der lineare Karrieregedanke ablehnt: Umwege.
„Die wertvollsten Fachkräfte, die ich kenne, haben alle irgendeinen 'Umweg' gemacht. Genau das macht sie interessant – und resilient."
Portfolio-Karrieren: Vielseitigkeit als Stärke
Das Konzept der Portfolio-Karriere, geprägt durch den Managementdenker Charles Handy, beschreibt einen beruflichen Werdegang, der aus verschiedenen Projekten, Rollen und Tätigkeiten besteht – statt aus einem einzigen Arbeitgeber und einer klaren Aufstiegslinie.
Konkret kann das bedeuten:
- Wechsel zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit
- Parallelarbeit in verschiedenen Projekten oder Branchen
- Bewusste Sabbaticals für Weiterbildung oder Neuorientierung
- Horizontale Wechsel, die Kompetenz in die Breite aufbauen
Was das für HR bedeutet
Wenn Unternehmen wirklich die besten Talente gewinnen und halten wollen, müssen sie ihre Karrieremodelle überdenken. Das bedeutet:
1. Seitwärtskarrieren als Normalfall anerkennen
Eine Entwicklerin, die in den Bereich Produktmanagement wechseln möchte, braucht keine Beförderung – sie braucht eine Chance. Unternehmen, die interne Seitwärtswechsel aktiv ermöglichen und feiern, binden Talente, anstatt sie zu verlieren.
2. Individuelle Karrierepfade statt Schablonen
Starre Karrierestufen passen zu einigen Menschen – aber bei weitem nicht zu allen. Individuelle Entwicklungsgespräche, die jenseits von Titeln und Gehaltsbändern denken, sind hier der Schlüssel.
3. Auszeiten entstigmatisieren
Elternzeit, Pflegezeiten, persönliche Neuorientierungen – all das darf keine roten Flaggen im Lebenslauf sein. Unternehmen, die das verstehen, gewinnen an Anziehungskraft und Vertrauen.
Fazit: Karriere ist kein Aufzug mehr
Die Zukunft gehört nicht denjenigen, die am schnellsten aufgestiegen sind – sondern denjenigen, die am klügsten navigiert haben. Für HR-Verantwortliche bedeutet das: Weg von der Beförderungslogik, hin zu einer Entwicklungslogik, die Vielfalt von Wegen als Ressource begreift.
Und für alle, die gerade auf einem vermeintlichen Umweg sind: Vielleicht ist dieser Umweg der direkteste Weg zu dem, was wirklich zählt.